Umstellung

Liebe Leute ich bin so müde. Hab die letzten Jahre 50/60% gearbeitet und jetzt erscheint es mir ziemlich seltsam, dass ich donnerstags und freitags auch in ein Zeit- und Leistungskorsett eingebunden bin. Hab mittlerweile wieder ein eigenes Büro, was ich sehr schätze – damit dies zustande kam, brauchte es jedoch ein paar klare Worte von mir.

Meine Arbeit ist spannend. Habe KundInnen mit verschiedenen beruflichen Hintergründen, die nach Europa Studieren oder, mittlerweile auch, Arbeiten gehen wollen. Sozial sind sie alle mehr oder weniger aus guter Mittelschicht, die Dienstleistungen die wir anbieten sind leider nicht gratis. Es gibt in Georgien noch kein öffentliches System von schulischer und beruflicher Beratung. Ich mache viel Recherchearbeit weil das Gebiet Europa bisher noch nicht bearbeitet wurde in unserem Ausbildungs- und Beratungszentrum. Das ist abwechslungs- und lehrreich – und anstrengend. Die Gespräche mit den KundInnen mag ich ebenfalls sehr, es geht darum mit ihnen zu erarbeiten was sie von mir brauchen, um ihnen dann die nötige und mögliche Unterstützung zu bieten.

Also, diesen Tag heute werd ich auch noch schaffen. Übrigens: ich bin immer noch in leichten Kleidern unterwegs, wir haben stabil um die 25°…

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Ich bin begeistert

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…von den Formationen, die sich unter unserem Küchenfenster abspielen.

Letzten August wurde der Strassenbelag unseres Gagarini-Platzes und der Zufahrtstrassen aufgerissen und abtransportiert. Ein Riesenlärm, Gestank und Staub ohne Vorankündigung, es wurde nur in der Nacht gearbeitet, tagsüber waren die Strassen offen. Warum diese Arbeiten gemacht wurden weiss niemand, der alte Strassenbelag war noch ganz ok. Es ist jedoch ein offenes Geheimnis, dass in Georgien mit dem Strassenbau viel Geld gut an trockene Örtchen verschoben werden kann.

Tja und dann wurde stückchenweise wieder drüber asphaltiert. Der Parkplatz ist noch im Rohzustand und ganz besonders gefällt mir dort eine Insel von 3 auf 4 Metern, dort stand während der Arbeiten immer ein Trax. Der alte Strassenbelag blieb dort erhalten. Na, die Insel wird wohl unkompliziert integriert werden bei der Asphaltierung des noch offenen Parkplatzspitzes. Wenn die dann mal stattfindet. Vielleicht nächsten Sommer?

Lelo – Rugby

Gestern haben die Rugby-Weltmeisterschaften in London begonnen. Für mich überraschend, ist Georgien ein begeistertes Rugby-Land. Die U18 Nationalmannschaft verpasste letztes Jahr nur ganz knapp den Weltmeistertitel ihrer Kategorie.

Wie kam Georgien zum Rugby? Durch die Engländer nicht, mit denen hatte Georgien nie die Ehre. Aber schon im 12. Jhdt wurde in der georgischen Literatur von Lelo berichtet. Ein Mannschaftsspiel mit vollem Körperkontakt, es ging darum, einen eher schweren Ball egal wie hinter die Linie des Gegners zu bringen. Das Spielfeld war manchmal mehrere Kilometer lang und jeder Mann im Dorf wurde aufgeboten. Es ging über Stock und Stein. Auf dem Land wird Lelo noch heute gespielt.

Zum Rugby kamen die GeorgierInnen in der Sowjetzeit. Lelo wurde standardisiert und die internationalen Rugby-Regeln fanden Eingang ins Mannschaftsspiel. Im letzten Juni war ich beim Freundschaftspiel Georgien-Uruguay live dabei. Ein Ereignis für Kind und Kegel, es war eine lockere Atmosphäre. Eingangs wurden traditionelle Tänze und Kämpfe mit und ohne Schwert aufgeführt, begleitet von georgisch-traditionellen Volksklängen. Es gibt hier übrigens auch Frauen Rugby-Mannschaften.

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Tschukotka

Die unten erzählte Geschichte machte mich neugierig, wie es denn im Gebiet der Tschuktschen, nord-östliches Sibirien, aussieht. Hier ein paar Bilder, die ich im Netz gefunden habe:

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2 Nach der Krise der 90er Jahre hat sich der Hafen am Pazifik gut entwickelt, wenn er auch nur im kurzen Sommer angelaufen werden kann. Über ihn wird unter anderem Erdgas exportiert.
Ich fand es eigenartig, dass in diesem Gebiet jemand Arbeit suchte, die Jahresdurschnittstemperaturen liegen doch zwischen -5 und -10°. Ich liess mich aufklären, dass die Leute damals dort gut lebten. Sie belieferten die Sowjetregierung mit Rentierfleisch und Fellen, Wale und Seelöwen wurden ebenfalls gejagt. Die Regierung bezahlte satte Löhne, weil die Lebensbedingungen hart waren. Am meisten Geld wurde mit Goldminen verdient, dies wurde jedoch nicht von den indigenen Völkern initiiert. So kann ich mir jetzt also gut vorstellen, warum Giorgi, der Mingrele, in diesem äussersten Zipfel Russlands unterwegs war. Dort ist übrigens auch die Grenze zu den USA, östlich von Tschukotka beginnt Alaska (dies gehörte auch mal zu Russland, wurde aber aus strategischen Gründen 1867 an die USA verkauft).

Der Englischlehrer

Folgend eine wahre, vom vielen Erzählen wohl gut gerundete Geschichte aus den 70ern, zu Sowjetzeiten.

Wir befinden uns im tiefen nord-östlichen Sibirien (Tschukotka), wo bis in die 80er Jahre bis zu 2000 km grosse Gebiete weder Verbindungsstrassen noch Eisenbahnen hatten. Die einzige Verbindung nach aussen waren Helikopter, die von Zeit zu Zeit propagandistische Zeitungen abwarfen und Grundnahrungsmittel.

Ein Mingrele (West-Georgien, siehe Blog-Beitrag „Schwarzes Meer“), war dort zu Fuss unterwegs, auf der Suche nach Arbeit, von Dorf zu Dorf. Eines Tages begegnete ihm ein Rentierhirte, der glücklich die Hände zusammenschlug, als er ihn sah: „Du musst der Englischlehrer sein, auf den sie im Dorf schon seit zwei Wochen warten!“ Giorgi, so hiess der Mingrele, liess sich vom Hirten zum Dorf führen, wo er herzlich begrüsst wurde. Es wurde ihm eine kleine Wohnung zugewiesen, man zeigte ihm die Schule und schon bald begann er zu unterrichten. Fünf Jahre waren vergangen, als es eine seiner Schülerinnen schaffte, sich für ein Sprachstudium in Moskau anzumelden. Nach langer Reise kam sie in Moskau an und wurde an der Uni auf ihr Sprachniveau geprüft. Die Leute schauten sich verdutzt an. Was dieses Mädchen wohl für eine Sprache rede? Also Englisch konnte es nicht sein, da waren sich die PrüferInnen einig. Es wurden Nachforschungen angestellt und es kam heraus, dass die Kinder im Dorf nicht in Englisch unterrichtet wurden, sondern – Mingrelisch.
Giorgi bekam eine Haftstrafe von 8 Jahren.

Work

Letzten Montag habe ich meine Arbeit wieder begonnen. Wobei diese Woche offizielle Einführung ins Study Counselling für die USA war. Zwei junge Amerikanerinnen, die gerade ihren Bachelor abgeschlossen haben, waren auch dabei. Ich schwamm anfangs sehr, als wir übungshalber für z.B. eine georgische Studentin, die schulisch sehr gut ist aber kein Geld hat (und umgekehrt) 15 passende Unis suchen mussten. Es gibt deren rund 4000 in den USA… Mittlerweile finde ich mich bereits einigermassen gut zurecht und bemerke, wie stark StudentInnen in Europa auf sich selbst gestellt sind. Äne am Deich leben meist alle miteinander auf dem Campus und haben Rundumversorgung.

Am Schwarzen Meer

Ei, wie friedlich in diesem Wasser zu baden. Ideal fuer alte Leute und Kinder, das Wasser wurde lange nicht tief

Zum Abschluss unserer Reise genossen wir das warme Wasser vom Schwarzen Meer. Ich schwamm noch in keinem Meer, das so warm war. Von Mestia, nah der russischen Grenze in den hoechsten Bergen, ist man in 2,5 Std. in Zugdidi, der Hauptstadt Mingreliens (Samegrelo). Und von dort sind es nur noch 20 Min. bis zum Meer. Wir uebernachteten im Kuestenort Anaklia, nah der abchasischen Grenze, der seit ein paar Jahren touristisch gepusht wird. Wobei wir dort nur ein paar teure Hotels fanden und einen duerftigen Strand. Am Folgetag fanden wir dann aber weiter suedlich einen inoffiziellen Strand, der uns gut gefiel. Der bekannteste und groesste Badeort an der georgischen Kueste ist Batumi, suedlich gegen die Grenze zur Tuerkei, ca. 1,5 Fahrtstunden von wo wir waren. Ich besuchte Batumi bereits letztes Jahr.

Die Mingrelen sind ebenfalls ein Volk mit eigener Sprache, die muendlich weitergegeben wird. Sie sind ueberzeugte GeorgierInnen und haben ihre eigene Geschichte in der Entwicklung Georgiens seit der Unabhaengigkeit. Im 1993 versuchte der erste Praesident des neuen Georgiens, Zviad Gamsachurdia, der im `92 bereits wieder abgesetzt wurde, mit Hilfe der Mingrelen (er selbst war Mingrele) und Tschetschenen die Macht erneut an sich zu nehmen. Er errichtete in Zugdidi ein Parallelparlament und seine Kaempfer nahmen grosse Teile Westgeorgiens ein. Der Aufstand wurde dann aber von georgischen Truppen mit Hilfe Russlands gestoppt. Es brauchte rund 15 Jahre, bis diese Kraftprobe allseitig verdaut war und die Mingrelen vom dritten Praesidenten, Mikheil Saakashvili (2007-2012), wieder in die Politik geholt wurden.

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Auf der Fahrt durch Mingrelien sind uns am Wegrand viele Schwein(chen), Gaense, Kuehe, Pferde und sogar Flusskuehe begegnet. Viele groessere und kleinere Haselnussplantagen bieten den Mingrelen ein Teil-Einkommen, es war gerade Erntezeit. Auch Tee waechst hier in grosser Menge.

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Okatse- und Martvili-Canyon

Wir fuhren nicht direkt nach Swanetien, sondern besuchten in der Region Imeretien zuerst den Okatse-Canyon und am naechsten Tag den Martvili-Canyon, der nicht weit vom ersten Canyon, in der Region Mingrelien (Samegrelo), liegt. In Imeretien ist die zweitgroesste Stadt Georgiens, Kutaisi, mit ca. 200`000 EinwohnerInnen, 250km von Tiflis entfernt. Das georgische Parlament tagt dort, es gibt eine Uni usw.. Hier eine Landkarte mit den Regionen Georgiens (aufs Bild klicken und es wird gross), wobei Abchasien und Sued-Ossetien mittlerweile nicht mehr dazu gehoeren. Man sieht, dass das ein grosser Territoriumsverlust fuer Georgien bedeutet:

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Die Okatse-Schlucht ist erst seit zwei Jahren fuehr BesucherInnen zugaenglich. Es ist gut gemacht. Am Eingang, wo man die Tickets kauft, kann man an einem schoenen Modell sehen, wo der Besucherweg entlanglaeuft. Als uns erklaert wurde, dass es zuerst 2,6km sind bis zur Schlucht und dann noch 900m der Schlucht entlang, machten wir uns keine grossen Gedanken, auch die Hoehenunterschiede bedachten wir nicht wirklich . So spazierten bei fast 40 Grad leichtfuessig los…

Die Martvili-Schlucht besucht man nicht von oben, man erfaehrt sie per Pedalo oder Schlauchboot. Ueber Jahrhunderte hat sich der Fluss in den weissen Kalkstein gefressen – eine grosse Ruhe geht von diesem Ort aus. Das Wasser ist glasklar und eiskalt.

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Swanetien

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Mestia, die Hauptstadt der Region Swanetien, liegt rund 550 km nord-westlich von Tiflis, 1500 m ue. M.. Ich war ueberrascht, wie herausgeputzt und westlichem Tourismus angepasst der Ort daher kam. Es hatte auch wirklich viele TouristInnen (Italiener, Deutsche, Amerikaner etc) ausgeruestet mit Wanderschuhen und Rucksack, wie das im Westen ueblich ist. Spaeter erfuhren wir, dass ein Verein mit Deutschen Wurzeln seit gut 10 Jahren die Region touristisch stark foerdert. Hotelbesitzerfamilien, Bergfuehrer, Pferdetrekking-Verantwortliche und andere mehr erhielten Ausbildung und kontinuierliche Unterstuetzung. Nun, man hat es der Region angemerkt. Die Natur dort muss nicht mehr ausgebildet werden, sie ist mit ihrem hoechsten Berg Georgiens (Schchara 5068m), den vielen Gletschern, Fluessen und Waeldern wirklich eindruecklich.
Die Swanen sind eines der vielen Voelker im Kaukasus mit eigener Sprache, die nur muendlich weitergegeben wird. Offizielle Sprache ist Georgisch und alle sprechen diese fliessend. Anfang der 90er, waehrend dem Buergerkrieg, war Swanetien eine Region, die unzugaenglich war fuer Polizei und Nicht-Swanen. Sie regierte sich selbst durch privat organisierte Banden. Die Swanen fuehlen sich jedoch als GeorgierInnen, nie reklamierten sie die Unabhängigkeit.

Wacho, der ein begeisterter Off-Roader ist, kam ebenfalls auf seine Rechnung, denn der Weg von Mestia nach Uschguli dauert fuer 56km rund 2,5 Stunden. Auch mir gefiel das Fahren ueber Stock und Stein, nur der Ruecken litt leider mit der Zeit. Klicke auf den folgenden blauen Link und du kannst mit uns mit Patschuka vom Schchara zurück durch die schöne Landschaft fahren https://www.youtube.com/watch?v=oq0ZsdEhyNo
Uschguli ist das hoechstgelegene Dorf in Europa, das ganzjaehrlich bewohnt ist (2200 m. ue. M.). Der Berg Schchara liegt 8km vom Dorf entfernt.
So am Ende der Welt schauen die BewohnerInnen ihrer Seele gut: Als wir am spaeten Sonntagnachmittag vom Schchara zurueck kamen, war der Sohn unserer Gastgeberfamilie kurz zu Besuch. Der Vater holte kurzerhand seine (georgische) Gitarre aus der Ecke und alle anwesenden Familienmitglieder sangen ein wunderbar einfaches Liebeslied miteinander. Fuer uns, die wir erschoepft im Stock obendran auf dem Bett lagen, klang es paradiesisch.

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Zurück

Zurück von den Bergen und dem Schwarzen Meer. Es war für mich das erste Mal von den Ferien nach Hause zu kommen und meiner Umgebung nicht frisch von der Leber meine Eindrücke und Erlebnisse mitteilen zu können. Da sass ich bei meinen Schwiegereltern am Tisch und wollte erzählen und es ging nicht. Fand die georgischen Worte nicht und zum Schluss kamen Tränen. Fühlte mich wie ein Fisch im Wasserglas.

Mittlerweile haben Wacho und ich die täglichen Georgischstunden wieder aufgenommen und ich senke mich weiter ins Laub ungewohnter Wörter, Wortwendungen und Lebensweisen (wobei mir letzteres wesentlich leichter fällt). Es scheint mir, als hätte eine zweite Phase begonnen: Es war schön, mit Wacho in unsere gemeinsame Wohnung zurück zu kommen. Das Neue ist bereits gewohnt und alles was ich tun kann, ist das Begonnene weiterzuführen. Wacho und seine Familie unterstützen mich sehr.

Im Moment haben wir bei 20° leichten Regen, welch Wohltat nach all den heissen Tagen. Meine Haut ist gebräunt wie schon lange nicht mehr. Bald werde ich euch Bilder von Swanetien, zwei Canyons im Unterland und the Black See zeigen. Unsere Ferien waren wunderbar abenteuerreich