Frische Luft

Also das heb-chleb System funktioniert so: Mann habe eine Idee, z.B. in einem Studienberatungszentrum der Abteilung für die USA noch eine Abteilung für Europa hinzuzufügen. Warum auch nicht. Da kommt auch noch eine Schweizerin daher, die stellt man für teures Geld an. Die „Schweiz“ scheint viele Fantasien auszulösen. Einerseits „kommt damit alles gut“, andererseits scheint es auch Ängste zu wecken. Ambitiöse Kollegen sehen plötzlich ihren ev. Aufstieg in Gefahr, der Vorgesetzte ist konfrontiert mit einer interessierten und über den Tellerrand hinaus denkenden Mitarbeiterin. Dass das für diesen unangenehm war ahnte ich irgendwann, dass ich deswegen jedoch kategorisch ignoriert werden würde, konnte ich mir einfach nicht vorstellen, weil ich es aus geschäftlicher Sicht für sehr dumm hielt. Es war aber so und als ich vorletzte Woche wirklich merken musste, dass ich ohne Erklärungen in meiner Arbeitskompetenz zurückgestutzt wurde, lüpfte es mir den Deckel. Ich konfrontierte den Vorgesetzten mit sehr klaren Worten und einem Ton, den ich mir bis jetzt in der beruflichen Welt noch nicht zugestanden hatte. Das Resultat war eine schriftliche Verwarnung von seiten des Arbeitgebers und die Kündigung der Arbeitnehmerin. Nicht weil ich die Explosion bereute, sondern weil sie mir klar gezeigt hat, dass es genug ist.

So bleiben mir die 20% beim Gymnasium, was zum Leben immer noch reicht. Und für den Rest gibt es Raum für neue Projekte. Ideen und Pläne dafür sind da.

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Liebe Leute

Dieses Bild ist mir heute ins Aug‘ gesprungen. Es hat mich berührt, vielleicht weil dessen disparate Anlage und ausgehöhlte Situation meiner momentanen beruflichen Verfasstheit nicht unähnlich sind.

Ansonsten ist alles ok bei uns auf dem fahrenden Schiff 😉

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Ab nach Südwesten!

Und wieder hat es uns aus der Stadt gelockt. Diesmal Richtung Schwarzes Meer, aber nicht ganz zur Küste. Wardzia, die im 12. Jhdt. dicht besiedelte Höhlenstadt wollten wir schon lange mal besuchen. Sie liegt liegt ganz nah am Dreiländereck von Georgien, der Türkei und Armenien. Eine Region, die viele Kämpfe um Territorium auf dem Buckel hat. Es wird gesagt, dass Anfang 19. Jhdt in Tiflis der Mtkvari, der Fluss, der durch Tiflis fliesst, rot war vom Blut der erbitterten Kämpfe dieser Region.

Trotzdem, landschaftlich sehr schön, wieder ganz anders als das uns bereits Bekannte. 20160401181039

Wirtschaftlich jedoch ziemlich auf dem Rumpf. Eine deftige Investitionsspritze wäre von Nöten. Hier hat es z.B. viele heisse Mineral- und Schwefelquellen, aus denen man etwas machen könnte und zu Sowjetzeiten war z.B. Abastumani ein eleganter Kurort. Grosse Waldgebiete wechseln sich ab mit felsiger Landschaft. Mir ist noch nicht ganz klar, ob dieses Gebiet zum Kleinen Kaukasus gehört oder eher zum vulkanischen Armenischen Hochland. Also eins der beiden oder beides zusammen ist’s bestimmt 😉

Schau Dir die reiche Bildergalerie unseres Ausflugs an, mit vielen weiterführenden Kommentaren! (auf den blauen Link klicken und los geht’s)

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Schöne Ostern!

Was für euch aktuell ist, ist hier noch kein Thema. Dieses Jahr feiert die orthodoxe Kirche Ostern erst am 1. Mai. Sie richtet sich nach einem vorreformierten Kalender, dem julianischen. Im Extremfall kann nach diesem Kalender Ostern 5 Wochen nach Ostern der Westkirche (gregorianischer Kalender) sein. Dieses Jahr ist dies der Fall.

Habt ihr gewusst, dass es eine finnisch orthodoxe Kirche gibt? Ich auch nicht. Sie feiert Ostern mit der Westkirche. Interessant auch, dass die griechisch und bulgarisch orthodoxen Kirchen Weihnachten am Datum der Westkirche feiern, bei beweglichen Feiertagen wie z.B. Ostern, sich jedoch der Ostkirche anschliessen.

Da in fast allen Staaten mit orthodoxer Bevölkerung im sekulären Leben schon lange der reformierte (gregorianische) Kalender gilt, hat die Ostkirche seit den 20iger Jahren des letzten Jhdts mehrere Versuche gestartet, den „neuen“ Kalender zu übernehmen. Bislang ohne Erfolg. S‘ wär halt ein grosser Sprung, für so was schwerfälliges wie die Kirchen.

Papst Franziskus hat anscheinend letztes Jahr bei einem weltweiten Priestertreffen vorgeschlagen, für Ost und West ein festes gemeinsames Osterdatum zu bestimmen, z.B. der zweite Sonntag im April. Vielleicht schafft’s ja die christliche Gemeinschaft, oder Ungemeinschaft, irgendwann. Von mir weiss ich, dass ich mich für orthodoxe Feiertage überhaupt nicht interessierte, bis ich auf sagenhaften Wegen in die (georgisch-)östliche Welt reinpurzelte.

Wie schön, dass das Purzeln noch geht!

Gloucestershire "Cheese Rolling and Wake"

Rekordversuch im Purzelbaum-Schlagen

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Rote Köpfe

Seit September wollte mein Arbeitgeber, bzw. meine zwei Arbeitgeber, den Arbeitsvertrag anpassen. Am letzten Montag war das Kind geboren, zumindest beim Studienberatungszentrum, und ich prüfte das Geschriebene gegen das auf Englisch übersetzte georgische Arbeitsrecht. Ich hatte einige Fragen und wollte diese mit dem neuen Chef klären. Man muss sagen, dass er jung ist und als CEO seine ersten Erfahrungen macht. Es war für ihn eine absolut neue Situation, dass jemand das Arbeitsrecht liest (das georgische ist sehr einfach gehalten) und Fragen zum Vertrag hat. Wer meinen letzten Beitrag gelesen hat, kann sich vielleicht vorstellen, wie geduldig hier Papier ist. Geschriebenes zählt hier nicht viel. Unter unserem Küchenfenster sehen wir das tagtäglich. Die Polizei verteilt nach Lust und Laune Parkbussen, ohne dass irgendwo ein Hinweis auf ein Parkverbot wäre. Nun, meine Fragen kamen nicht gut an, mein Interesse zu verstehen, wurde als Vorwurf und Kritik empfunden. Ich merkte schnell, dass wir in eine falsche Richtung steuerten und fing das Ganze auf. Im Folgenden erfuhr ich dann, dass der Arbeitgeber mit dem Vertrag die MitarbeiterInnen u.a. zu mehr Verantwortung erziehen will. Er listet z.B. auf was passiert, wenn der Mitarbeiter den Arbeitgeber nur 7 Tage vorher informiert, dass er bald nicht mehr da sein wird. Auch wenn das so nicht im Arbeitsgesetz steht.

Ich habe verstanden, dass ein Arbeitsvertrag hier irgendwie an einem anderen Ort angesiedelt ist, als ich das bisher gekannt habe. Wir kamen überein, dass er etwas entfernte, was mir wirklich nicht gefiel und für den Rest nehme ich es nicht so genau. Auch wenn mir das Gefühl, das mich dabei begleitet, nicht sonderlich gefällt.

Nach diesem Gespräch fühlte ich mich, als sei ich vom Mond.

Unangenehm

Hier gibt es wirklich eine Classe Politique und die schwebt tatsächlich wo ganz anders als der Rest der Bevölkerung. Erstens, man oder frau geht nicht in die Politik um etwas für das Land zu erreichen, sondern um privat Geschäfte zu tätigen. Diese privaten Geschäfte bestehen leider nur teils aus selbst aufgebauten Firmen. Das grösste Geschäft ist es, aus staatlichem Besitz Privatbesitz zu machen. Sei das Land oder Geld: man ist nicht VerwalterIn von Volksbesitz, sondern wird mittels Einsitz ins Parlament oder durch ein Ministeramt quasi-KönigIn von allem was man sich, mit welchen Methoden auch immer, unter den Nagel reissen kann.

Wie  denn das gehen soll, fragte ich, wie kann sich denn eine neue Regierung alles unter den Nagel reissen, wenn die Alte das schon getan hat? Das geht so: Die neue Regierung klagt die alten KönigInnen an, bringt sie ev. ins Gefängnis und enteignet sie. So geht Volksbesitz immer schön wieder an die nächsten über. Darum ist mir mittlerweile auch klar, warum viele nicht mehr wählen gehen oder warum die Faust im Sack gemacht wird. Es ist nicht wichtig, welche Regierung an der Macht ist. Für die Menschen macht hier niemand Politik. Nur für sich selbst.

Aber dann muss man doch eine Partei gründen, die zum Beispiel Sakmarisia!, Es ist genug!, heisst? -Die gab es schon. -Wann gab es die? -Die letzte Regierung (2004-2012) entsprang dieser Partei und anfangs hat diese durchaus Veränderungen durchgesetzt (Korruption auf niedrigem Level, z.B. von Polizisten und Schalterbeamten, wurde ausgemerzt), endete dann aber gruselig als willkürlicher Polizeistaat mit Folter in Gefängnissen und unzähligen Menschen, die ohne Gerichtsprozesse aus dem Leben schieden. Bei solchen Entwicklungen wird die grosszügige Bereicherung fast nebensächlich.

??? Aber all die ehrlichen Leute hier könnten sich doch organisieren? -Viele ehrliche Leute haben Schulden. Und sie wollen mehr vom Leben. Wenn sich ein paar zusammenschliessen und eine erfolgreiche politische Gruppierung aufbauen, werden sehr interessante Angebote kommen: Keine Schulden mehr und Türen werden sich öffnen. Die andere Seite lädt ein. Mach bei uns mit, das ist angenehmer. Wer widersteht da?

Und wer widersteht, wird ein gefährliches Leben leben – und vielleicht ein kurzes.
Also kommt. Kommt in die EU. Dann wird alles besser.

Stell dir vor

…es ist Muttertag und niemand arbeitet. Richtig, das ist in der Schweiz auch so, denn wie so oft wurde das clever eingefädelt, von wem auch immer, und auf einen Sonntag verlegt. In Georgien ist heute Muttertag und wie an anderen offiziellen Feiertagen ist ausser den Läden, die hier oft 7/24 arbeiten, alles geschlossen. Bravo!

Bravo auch den Müttern, die ihre Kinder ausgetragen und, mit Hilfe der Väter und ev. anderen Personen, aufgezogen haben. Bravo auch den Kindern, die dieses Geschenk annehmen und das allerbestmögliche daraus machen 🙂

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Nächsten Dienstag ist grad nochmal offizieller Feiertag, der Internationale Tag der Frau. So viel Würdigung der Frauen ist für mich als Schweizerin ganz neu. Und schön.

Höhenwanderung

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Gestern hatte ich akut das Bedürfnis aus Strassen, Beton und Autolärm rauszukommen. Mal wieder zwischen Bäumen spazieren, einigermassen frische Luft im Gesicht zu spüren und Musse zum Verweilen zu haben.

Das Wetter passte gut, es war ein sonnig warmer Tag. Eigentlich müsste es auch hier Winter sein, aber der will nicht. Schauen wir was der März bringt.
Also, vom Schildkrötensee, der östlich der Stadt liegt, bin ich dem Hügel entlang spaziert bis zum Zentrum der Altstadt, das im Westen liegt. Das hatte ich nicht von Anfang an vor, denn ich wusste gar nicht welche Möglichkeiten der begonnene Weg in sich birgt. Im entscheidenden Moment, hoch über dem See, wählten einige WandererInnen an der Kreuzung diese Richtung. Ich entschied, ihnen mit einigem Abstand zu folgen.

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Mir gefällt, wie in Tiflis rauhe Natur und Grossstadt, es sind immerhin 1,5 Mio Einw., nah beieinander sind. Auf den Hügeln rund um Tiflis sucht man jedoch vergeblich nach Wäldern mit grossen alten Bäumen. Von 1990 bis 2002, in denen Wirtschaftskrise, Bürger- und Unabhängigkeitskriege herrschten, haben die GeorgierInnen das Holz einerseits für sich selber zum Kochen und Wärmen gebraucht, andererseits wurde im grossen Stil illegal viel abgeholzt und schwarz in die Türkei verkauft. So sind denn Jungwäldchen das höchste der Gefühle.

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Wundersam zarte Frühlingsblümlein hab ich zwischen den schmächtigen Bäumen entdeckt

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Und plötzlich sah ich das Riesenrad von hinten, das über der Altstadt thront. Der grössere Bruder ist der Fernsehturm

Bild kommt

Fährt man vom Heiligen Berg (Mtazminda) mit der Schweizer! Zahnradbahn runter, kann man auf halbem Weg die Kirche David Gareschi besuchen. Deren Friedhof ist eine Art Pantheon. Viele wichtige georgische Poeten, Schriftsteller, Staatsfrauen und -männer wurden dort begraben.

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Hier noch einige Impressionen des Quartiers Mtazminda. Es repräsentiert für mich, neben dem Quartier der historischen Schwefelbäder, das Herz Tbilisis. Wackelig und alt, aber all paar Meter ist etwas Schönes oder Kurrliges zu entdecken, kann ich verweilen und staunen

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