Kühe und die Stadt

Jetzt, wo ich mehr Zeit habe, zieht es mich wieder zum Kreativen, zu den Bildern. Vor ca. zwei Wochen habe ich Ölkreiden gekauft, weil ich einen Fisch malen wollte für die dunkle Wohnwand, die unser ready made Wohnzimmer ziert… Aber irgendwie passt es noch nicht, das Bild ist zu hell für die Wohnwand, ich sollte Pinsel und Farbe kaufen, aber dazu konnte ich mich noch nicht durchringen. So liegt der Fisch im Moment auf dem Sofa.
In der Zwischenzeit haben es mir die Kühe angetan, die die Hügel über und um Tiflis abweiden. Über einen Kuhrücken direkt in die Grossstadt reinzuschauen, fasziniert mich. Beide Welten funktionieren bestens in sich selbst.

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Von hier aus geschaut

Vor einiger Zeit, zur Zeit der letzten Terroranschläge in Europa, wurde ich per email gefragt über die Sicht in Georgien auf diese Geschehnisse. Sorry, dass meine Antwort ziemlich verspätet kommt – ich hoffe, das Thema sei für Euch immer noch relevant.

Für die Leute hier war es bis zu diesem Zeitpunkt schwer vorstellbar, dass Westeuropa so verletzlich sein könnte. Für was gibt es die Polizei und was bitte machen die Geheimdienste? Wie konnte so was geschehen? Hier, wo alle meinen, in Europa laufe alles wie am Schnürchen, alles geordnet, alles geplant, alles im Griff – waren man und frau schockiert und sehr betroffen. Menschen wie die GeorgierInnen, denen vom Sowjetsystem Geheimdienste noch bestens bekannt sind, haben die Erwartung, dass diese solche Geschehnisse verhindern können müssen. Meine Schwiegermutter erzählte mir, dass in den russischen Fernsehnachrichten gesagt wurde, dass in Europa die Geheimdienste schlafen würden. Tja. Ich kann es nicht beurteilen.

Was hier ebenfalls nicht verstanden wird, ist folgendes: Wie kann es sein, dass Europa so viele Muslime in seine Länder lässt? Für Georgien waren muslimische Völker über Jahrhunderte die Gefahr Nummer 1, und in Europa werden sie zu tausenden empfangen. Für was? Das stellt ihnen die Nackenhaare auf. Dass Europa sich vorstellt, Muslime langfristig sinnvoll als Arbeitskräfte und MitbürgerInnen integrieren zu können, schätzt man hier als Illusion ein, milde gesagt. Das georgische Volk hat unter grossen Opfern immer dafür gekämpft sich selbst zu bleiben, trotz Persern, Mongolen, Osmanen und Türken, die hier schon geherrscht haben. Es kann nicht nachvollziehen, wie Europa sich am Leben erhalten will durch die Integration von Leuten aus anderen Kulturen. Im Sinne von: Was nützt es, sich am Leben zu erhalten, wenn man nachher nicht mehr ist was man war?

Spürt Ihr, dass hier ein anderer Wind weht? Und an eine Integration glaubt hier sowieso niemand. Selber ein Auswanderungsland, will sich aus georgischer Sicht kein Flüchtling und kein Asylant und kein Ex-Pat jemals in eine andere Kultur integrieren. Man profitiert wirtschaftlich und/oder bildungsmässig, der Rest ist Beigemüse.
– Schauen wir, wie sich die Dinge langfristig entwickeln.

A propos Gemüse: Mein Vater hat mir letzten Sonntag von wunderbaren badischen Spargeln erzählt… mit selbst gemachter Mayonnaise, Schinken und frischem Brot – da läuft mir das Wasser im Mund zusammen… hier sind Spargeln nicht sehr verbreitet, und weisse habe ich noch gar nie gesehen. Eine Marktlücke?

CBN über Georgien

Der amerikanische christliche Fernsehsender CBN hat kürzlich einen Spot über Georgien gesendet. Dieser hebt neben der atemberaubenden Landschaft vor allem die starke Verankerung Georgiens im Christentum hervor. Wie schön wäre es doch, davon etwas im Alltag zu spüren z.B. bei den politischen Prozessen und Zielsetzungen. Das goldene Kalb macht dem Kreuz gut Konkurrenz…

Schauen! Auch die, die kein Englisch können. Tiflis und viele charakteristische Regionen werden gut gezeigt

Sowjetischer Sieg im 2. WK

Heute durfte ich mich wieder über einen Feiertag freuen. Diesmal war’s aus Ost-Sicht der Sieg über die Deutschen im 2. Weltkrieg. Ich habe mal gelernt, dass es ein Sieg der Alliierten war – und für mich waren die Alliierten westlich. Für den Osten jedoch hat die Sowjetunion gewonnen. Weil mich diese verschiedenen Interpretationen stutzig machten, hab ich nachgelesen: Aha, zu den Alliierten gehörte durchaus auch die Sowjetunion. Jetzt weiss ich natürlich nicht mehr, ob in der Schule die Sowjetunion damals mit erwähnt wurde und mein Hirn das mit der Zeit wegsiebte, weil mir die USA und England geläufiger waren – oder wie.

Tatsache ist, dass auch im Osten der Fächer nicht so breit aufgespannt wird und man der Einfach- und Klarheit halber am besten einfach sich selber feiert. Was jedoch in Russland, genauer in Moskau, als grosses Volksfest (es wurde auch um die vielen Toten getrauert) mit Militärparade und allem drum und dran gefeiert wurde, war in Georgien mit einem offiziellen Gedenkakt beim Denkmal der Namenlosen Sowjetischen Kriegsgefallenen bereits erledigt.

Während des 2. Weltkriegs wurde das Territorium Georgiens kaum tangiert. Nur in Abchasien drangen die Deutschen ein, wurden aber wieder zurückgedrängt. Rund 700’000 Georgier kämpften damals in den Reihen der Roten Armee. Auch für Deutschland kämpften Georgier, jene die sich, ab 1921, dem Einmarsch der Russen in Georgien, nach Deutschland abgesetzt hatten. Das waren rund 30’000. Es war abgemacht, dass wenn Deutschland den Krieg gewinnen würde, Georgien wieder unabhängig werde.

Warum werden Kriege als so  wichtige Ereignisse gefeiert bzw. behandelt? Das viele Konstruktive, das in der Welt geschieht, sollte einen weit höheren Stellenwert haben. Wir haben uns auf der Werteskala verirrt.

Jubiläum

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Heute vor einem Jahr bin ich in Tiflis angekommen, um einen anderen Alltag unter die Füsse zu nehmen. Rosen züchten in Georgien. Hier drei Punkte, die ich heute hervorheben möchte:

1.
Georgisch kann frau lernen! Ja, es braucht Beharrlichkeit, ja, es braucht Durchhaltevermögen und ja, es braucht viel Geduld und auch: Toleranz mit sich selber (und ohne die ausdauernde Unterstützung meines privaten Umfelds wär ich natürlich nicht halb so weit)

2.
Ich lasse mich nicht mehr beirren durch die oft abweisenden Gesichter, die ich auf der Strasse, in Läden und auf der Arbeit antreffe. Wenn ich Lust habe zu singen, so singe ich, sei’s im Büro oder auf der Strasse. Wenn ich Lust habe die Verkäuferin lächelnd zu begrüssen, dann tu ich das, egal, wie sie mich grad anschaut. Oft wirkt es gut. Und auf mich sowieso, denn ich kam zum Schluss, dass ich mich so bewegen möchte, dass mir wohl ist.

3.
Es lohnt sich, etwas zu wagen! Wacho und ich wussten beide nicht, wie wir aufeinander langfristig wirken würden. Beide haben wir den Mut gehabt, für einander einen ganz neuen Alltag zu wagen. Mit dem Resultat, dass wir in der Beziehung beide sehr glücklich sind. Natürlich, Wacho hat realisiert, dass eine Feile für mich nicht reicht, um mich zu schmirgeln, wie er sagt. Schon längst hat er zum Hobel gegriffen, jedoch, wie ihr unschwer erraten könnt, ohne nennenswerten Erfolg 🙂 und die Zunge ist auch viel zu lang, wie hier die Rede- und Schlagfertigkeit genannt wird. Ein Glück nur, dass Wacho und ich, bei aller Unterschiedlichkeit, das eine oder andere gemeinsam haben 🙂

Basrobase (uf em Märt)

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Schon lange war ich nicht mehr auf dem grossen Märt… die georgischen Erdbeeren, die hier noch so schmecken wie in der Schweiz vor 30, 40 Jahren, werden grad mit der Schaufel in den Sack abgefüllt:

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Ganz wichtig für die georgische Küche sind die frischen Kräuter. Dill, Peterli und Koriander sind auch im Winter immer frisch erhältlich. Jetzt, im Frühling, sind sie natürlich besonders gut. Ab dieser Zeit kommt auch noch der rote Basilikum dazu. Es gibt keine Suppe und kein Gemüsegericht, die nicht reich garniert wären mit einer Auswahl dieser Kräuter. Azerbaijanerinnen dominieren dieses Geschäft, sie pflanzen selber an

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In der Halle dann Getreide und Gewürze

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Fleisch

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Hinten an der Wand geköpfte Schafe/Lämmer – morgen ist Ostern

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Güggeli

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In einer anderen Galerie lauter Kuchenböden für die frischen Erdbeeren 🙂

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Und wieder draussen noch Ostergras, junger Weizen, der auf dem Ostertisch nicht fehlen darf

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Übrigens, ich schätze das sehr, hier hat Ostern nichts mit Schoggiosterhasen und ähnlichem zu tun. Dafür produziert jede Bäckerei, die etwas auf sich hält, ihre eigene Panetone, Paska genannnt. Mmmmm!

Judo-Gold

Eine schönere Genugtuung kann es für GeorgierInnen nicht geben:

Mannschaftsgold im Judo an den Europameisterschaften in Russland! Das Pünktchen auf dem i, der Final war gegen die Russen…

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Ein Schmaus für Herz und Seele: Die georgische Hymne in Russland als Sieger gespielt zu bekommen. Auch in den Einzelkämpfen hat Georgien mehrere Medaillen abgeräumt. Respect and bravo!

Gestern war ich zum ersten Mal in der staatlichen Uni, hab dort Leute getroffen in Bezug auf einen Master in Organisationsentwicklung. Oh je bin ich erschrocken. Von innen ist das Gebäude in einem schauderhaften Zustand. Der Vergleich mit einem Viehstall ist leider passend. Oh Schande, du Land, du Regierung, die ihre Uni so verkommen lässt!

Fotos hab ich davon keine gemacht, dafür von den Bäumen, die hier in den letzten Tagen wunderbar grün geworden sind – bei euch sicher auch, stell ich mir vor

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