Eh, oui

Zurück schauen. Auf einen überstürzten Aufbruch? Ein Aufbruch. Aufbruch war für mich immer verbunden mit einem Bild des Weggehens. Wenn ich jetzt aber das Wort Aufbruch anschaue, ist es reines Aufbrechen. Etwas bricht auf. Es bricht. Ich höre es brechen. Ein Holzscheit kommt mir in den Sinn. Eine Axt schlägt rein. Etwas solides wie Holz bricht auf. Fasern biegen sich auseinander, kommen zum ersten Mal an die freie Luft. Luft! Selbstverständliches Eingebundensein ist verschwunden, wird mit der Zeit eine neue Grundlage erhalten.

Sitz ich da auf einem grossen Stein, die Beine baumeln, unten fliesst ein rauschender Fluss. Das neue Jahr steht vor mir. Zu bereuen gibt es nichts.

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Dies und das

Die meisten von euch haben bestimmt schon Ferien – hier wird noch ganz normal gearbeitet bis Ende Woche. Auch ich muss nicht extra frei nehmen, am Freitag habe ich ja so wie so frei und kann somit am 25. in die katholische Kirche gehen. Ich war noch nie dort. Sie soll gross sein, sie steht im arabischen Quartier „Blechanowe“, eine Synagoge sei auch nicht weit.
Ein Teil meiner Arbeit besteht ja auch darin, Kooperationen mit europäischen Unis zu bewerkstelligen. Da dort in diesen Tagen nur wenige arbeiten, hab ich mehr Zeit für anderes. Ab Januar werde ich der 7.,8. und 9. Klasse je eine Stunde Deutschunterricht pro Woche geben. Es werden reguläre Stunden sein, sie sind als Ergänzung gedacht zu den schon bestehenden zwei Stunden Deutschunterricht. Vom Programm her bin ich sehr frei, die Kinder/Jugendlichen sollen vornehmlich einen besseren Bezug zur deutschen Sprache bekommen, eine Muttersprachlerin hat da bestimmt nochmals andere Möglichkeiten als die mehr oder weniger gut Deutsch sprechenden bestehenden Lehrerinnen. Wir sind auf Anfängerniveau.

Ansonsten habt Ihr vermutlich schon vernommen, dass Georgien, zumindest mal von der unabhängigen Prüfungskommission, grünes Licht bekommen hat für visumsfreien Zugang in die EU. Weiss gar nicht, wie die Schweiz das handhaben wird? Wenn es vom EU-Parlament genehmigt wird, sollte das ab Sommer spielen. 3 Monate Aufenthalt, 3 Monate raus, 3 rein, 3 raus. Ohne Arbeitserlaubnis. Interessant ist, dass Russland, so habe ich gehört, sofort nachgezogen hat und die Visumspflicht ebenfalls abschaffen will. Rund 1 Million GeorgierInnen arbeiten in Russland, das wäre eine grosse Erleichterung.

Ja, und im Januar werde ich für eine Woche in die Schweiz kommen. Ich freue mich. Ich habe hier gut Fuss gefasst, so dass ich mir einen lustvollen Wechsel zutraue.

Geniesst die besinnlichen Tage!

 

 

Und sie singen doch!

Die Frauen.
Gordela ist eine georgische Frauenband, die ausschliesslich traditionelle Instrumente benutzt. Im 2007, damals Studentinnen verschiedener Fakultäten der staatlichen Universität, haben sie sich zusammengetan. Sie singen traditionelle Lieder, wobei sie auch nach neuen Kombinationen suchen: Englisch reinnehmen und einen Jodel dazu, die Handtrommel afrikanisch tönen lassen etc.. Hör selber. Die Jodeleinlage kommt am Schluss!

Hier sind wir auf dem Lande, in Mirzaani, Kachetien, Ostgeorgien.  Kulturfestival Art Gene. Das ganze Setting erinnert mich an Westafrika: Unter Bäumen, spontane Tanzeinlagen der Zuschauer… super. Musik und Tanz unterscheiden sich jedoch klar von Afrika.

Und hier Nino Bascharuli,  ihre Stimme gefällt mir sehr:

Dieser Teil gehört eigentlich unter den unten stehenden „Wir singen!“.

Ich habe mir sagen lassen, dass hier an jedem Fest, wenn der Wein die Sinne gut gelöst hat, gesungen wird. Ob die Frauen auch singen? Fragte ich. -Nein. Die Frauen bringen ihre Männer nach Hause, wenn diese vor lauter Alkohol den eigenen Puls verloren haben. Und wenn diese am Morgen mit einem Kater und stinkend wie ein Weinkeller aufwachen, bringen sie diesen Bier, damit sie wieder ins Leben zurückkehren. Zumindest sei das vor 10 Jahren so gewesen. Wie sich das heute genau abspielt, konnte ich noch nicht eruieren.
Nun, das hier sind junge Männer, die sich glaub am Ende des Abends irgendwie selber nach Hause bringen müssen:

Hier ist das Geschehen schon einiges weiter fortgeschritten und um so ergreifender…

Das Lied heisst „Lamaso Sakartvelo“, Schönes Georgien.

 

 

 

 

 

 

Wir singen!

Die  Männer, meine ich.
2001 wurde der georgische Gesang in die erste UNESCO-Liste der „Meisterwerke des mündlichen und immatriellen Erbes der Menschheit“ aufgenommen. Das Lied „Tschakrulo“ aus Kachetien, Ostgeorgien, hier als Paradebeispiel. Aufgenommen im Konzertsaal des Konservatoriums in Tiflis.
(Neuerdings ermöglicht die Software, dass Videos direkt in den Blog kopiert werden können. Also: Auf den Pfeil in der Bildmitte klicken, und los geht’s!).

Polyphonie bedeutet, dass eine Komposition mindestens zwei unabhängige Stimmen vorweisen muss. In Georgien sind es meist drei, die Region Gurien, Westgeorgien, ist bekannt für ihre 4-stimmige Polyphonie. Am Gesang in Georgien gefällt mir besonders, dass er in der Bevölkerung durch alle Generationen verankert ist. Hier ein schönes Beispiel eines jungen Mannes, der voller Innerlichkeit sein Solo wiedergibt.

Das Lied heisst „Die zu spät Gekommenen“.

 

 

 

 

Noch kein Licht

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Im Zentrum, hier die Rustaveli Avenue, ist die Weihnachtsbeleuchtung montiert – nur leuchten tut sie noch nicht. Weihnachten ist hier erst am 6./7. Januar. Ich habe noch nicht herausgefunden wann es zu leuchten beginnen soll, ob es dieses Jahr spezielle Sparmassnahmen gibt, oder wie das überhaupt geht. In den Läden ist von Weihnachten und Weihnachtszeit fast nichts zu spüren, was ich ganz angenehm finde.

Gestern waren wir beim Goethe Institut zur St. Nikolausfeier. Es gab Glühwein, Salzbrezel, Kartoffelsalat und Deutsche Grillwurst. Einen guten Grättimaa hätte ich mir gewünscht! Und der Samichlaus kam auch nicht, dafür Discomusik von DJ Rambo. Viele Jugendliche besuchen am Goethe Institut Deutschkurse, um den hohen sprachlichen Ansprüchen der Deutschen Unis zu genügen. Selbst wer einen Studiengang besuchen will, der rein auf Englisch durchgeführt wird, muss fliessend Deutsch können.

Outdoor

Bei uns ist immer noch Herbst. Gestern Abend war starker Wind, die gelben Blätter haben darin getanzt dass die Fetzen flogen.

Vor zwei Wochen waren wir zu einem Geburtstag eingeladen.

20151115124958Meine Georgischlehrerin von letztem Jahr, Irma, Bildmitte, mag es ihren Geburtstag draussen zu feiern. Sie macht das jedes Jahr. Auf dem Weg zur berühmten Kreuzkirche bei Mzcheta (Hauptstadt des Iberischen Reiches bis 6. Jhdt.) liegt versteckt ein hübscher See. Dort waren wir. 20 Minuten Autofahrt von zuhause.

Im Hintergrund die Kreuzkirche.

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Es scheint mir, auf der ganzen Welt ist es Tradition, dass die Männer sich ums Fleisch kümmern. Die Fleischspiesse heissen hier Mzwadi und sind Hauptbestandteil jeder Grillfeier.

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Mit Wasser oder Kirschensaft wird das Fleisch auf dem Feuer begossen, und somit werden auch die Flammen gelöscht, die das Fleisch verbrennen könnten. Ob Schwein, Rind, Kalb oder Lamm, das hängt allein von der Vorliebe der Grillierenden ab.

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Mzwadi wird mit Zwiebelringen serviert und mit traditionellem Fladenbrot und Salaten gegessen

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In der grossen Guttere rechts ist der Hauswein, frisch von der neuen Ernte. Also mir hat er gegen die Kälte nicht geholfen

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Im Hintergrund die koreanische Familie, ebenfalls ehemalige Georgischschüler von Irma. Sie sind schon fünf Jahre da und haben zwei kleine Zwillinge. Die koreanische Gemeinde in Tiflis umfasst um die 150 Leute

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Prost!

Schön wars. Später haben wir am Feuer georgische Maroni gebraten (sehr feine Konsistenz) und einige Leute hatten schöne Stimmen, mit der sie die Guitarre begleiteten, die man ganz oben auf einem Bild sieht. Obwohl es sonniges Wetter war, waren wir zünftig durchgefroren bis wir nach Hause gingen

 

 

Gerne verkünde ich,

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dass ich ab Dezember 80% arbeiten werde und mich somit am Freitag wieder anderen Dingen widmen kann. Jupii!

Für regelmässige BesucherInnen: Den Beitrag der Tbilisoba habe ich erweitert. Warum die neuen Bilder so gross gezeigt werden, weiss ich auch nicht. Ob das jetzt immer so sein wird? Vielleicht ist das dem letzten Update der Software zu verdanken. Wäre toll

Tbilisoba

Jedes Jahr im Oktober findet in Tiflis die Tbilisoba statt. Früher war das ein zweitägiges Fest, an welchem die Bauern Trauben und andere Saisonfrüchte und -Gemüse anboten. Dazu kamen traditionelle Volkstänze und -Gesänge, und natürlich genug zu Essen und zu Trinken. Im Wandel der letzten zehn Jahre sind die saisonalen landwirtschaftlichen Erzeugnisse weggefallen, geblieben sind kulturelle Darbietungen und die Verköstigung.

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Blick auf den Teil des modernen Festgeländes

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Das krokodilartige Dach gehört zur neuen Brücke, die vor ein paar Jahren gebaut wurde. Trotz vieler Proteste der Bevölkerung wurde der moderne Stil durchgesetzt

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Ein Spiel, das mir noch nicht geläufig war

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Übergang zur Altstadt

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Eine Kutschenfahrt gefällig?

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Die international renommierte Gesangs- und Tanzgruppe „Erisioni“.

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In Georgien gibt es 12 verschiedene Stile des traditionellen polyphonen Gesangs. Es gibt schon in vorchristlicher Zeit (ab dem 8. Jhd.) Kommentare zur georgischen Polyphonie. Weiterentwickelt haben sich die versch. Stile vor allem mit der Kirchenmusik, auch die georgischen Krieger haben den Gesang für sich genutzt. In Gurien, Süd-Westgeorgien, wird eine sehr archaische Form des Jodels gepflegt. Klicke auf den folgenden Link, dann hörst du ihn https://youtu.be/j1PpyDkj54U.Hier noch zwei Videos der Tbilisoba, georgische Polyphonie https://youtu.be/Zu9evki1cME und Volkstänze aus der Bergregion Kazbegi https://youtu.be/bos_gyP2pKM

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Auch der Dudelsack taucht manchmal auf

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Tänze mit solchen Kostümen sind eine Referenz an die Kinto des 19., Anfang 20. Jhdts in Tiflis. Sie waren Händler oder Leute, die sich mit Stehlen und/oder als Gaukler in Restaurants durchschlugen. Diese Tänze sind leicht, schnell und quirlig

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Kinto, Anfangs 20. Jhdt, Tiflis (Wikipedia)

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Hochzeitstanz.
Die weissen oder schwarzen Mäntel mit Patronen über der Brust, waren früher die Kittel der Edelmänner. Noch heute gibt es einen Verein, dessen Mitglieder nur solche Kleider tragen.

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Wir sind hier im Quartier Maidani, der heissen kohlesäurehaltigen Schwefelbäder. Die Kuppeln, die hinter den Leuten zu sehen sind, gehören zu den Einzelbädern, die man mieten kann.

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König Wachtang Gorgasali (der Wolfskopf), hoch oben auf dem Pferd mit erhobener Hand, Begründer von Tbilisi/Tiflis (479 n. Chr.). Als Gorgasali im damaligen Gebiet des heutigen Tiflis auf der Jagd einen Fasan erlegte, war dieser vom sprudelnden heissen Wasser bereits gekocht, als er von den Vasallen eingesammelt wurde. Laut dieser Legende hat Gorgasali daraufhin beschlossen, an diesem Ort seine Stadt zu gründen. Er nannte sie Tbilisi (tbili=warm).

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Die amerikanische und türkische Blasmusik waren zu freundschaftlichem gemeinsamem Spiel mit der Georgischen eingeladen

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Typische alte Häuser mit grossen Balkonen und Lauben. Leider in eher wackligem Zustand

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Durchgefroren aber glücklich kamen wir nach einem langen Nachmittag ins warme Zuhause zurück