Im Vorgespräch fürs Radiointerview wurde ich gefragt, was mir denn von der Schweiz fehle. Es kam nichts, und dann kam „Kino“. Dieses Wort scheint in mir ein schlafendes Bedürfnis berührt zu haben, denn die Sehnsucht, in eine andere, fesselnde Geschichte einzutauchen, meldete sich in den Folgetagen hartnäckig. Aber eben, das mit dem Kino ist hier so eine Sache. Wer amerikanische Kassenschlager mag, kommt hier einigermassen durch. Wer europäisches Studiokino mag, muss den Gürtel jedoch ziemlich eng schnallen. Es gibt eine alternative Kinoinstitution, die ist aber im Umbau und zwar schon so lange, dass mir scheint, dass denen das Geld ausgegangen ist. Die oben erwähnte plötzlich wieder erwachte Sehnsucht liess mich jedoch endlich nach dem Institut Français googeln das es in Tiflis gibt, irgendwo hörte ich mal, dass die auch Filme haben. Ja! all zwei Wochen ein Film. So war ich also gestern dort, bzw. in der Universität für Theater und Film, das Institut Français zeigt dort seine Filme in einem hübschen shaby chic Saal. Das Leben von Yves Saint Laurent, auf französisch mit georgischen Untertiteln. Hat Spass gemacht! Ich mag Französisch sehr.
Als ich nach der Filmvorführung nach draussen kam, war grad nochmal Kino. Blechanowe ist ein Stadtviertel in neoklassizistischem Stil, die Russen, die ab dem 19. Jhdt in Tiflis Einfluss nahmen, waren ganz verliebt in diese Ästhetik. Blechanowes Hauptstrasse wurde in den letzten Jahren renoviert und kürzlich fertig gestellt. Ich entdeckte gestern Abend davon den letzten und neusten Teil der Fussgängerpromenade. Ich fühlte mich wie in einer Filmkulisse, so gut beleuchtet, frisch gestrichen und mit Designerbänken war das alles. Ein Shop mit Frozen Yogurt, hier noch nie gesehen, Bars und Restaurants schön gediegen – und plötzlich wars fertig mit dem Licht und die Häuser und Leute fanden wieder Unterschlupf im Halbdunkel. Das Tiflis, das ich schon kenne und liebe war wieder da.

Seitenstrasse in Tbilisi, ohne russischen Einfluss und ohne Renovation