I hätt no viu blöder ta

Das ist vermutlich der einzige Titel von Gölä, der mir gefällt, zumindest hab ich etwas anderes von ihm noch nie zu Ende hören können. Aber der fägt

In der Sichtweise meiner Mutter tu ich ja immer noch sehr blöd, aber das ist es mir wert. Gestern bekamen wir einen Tipp per SMS, dass es heute von 10-17 Uhr keinen Strom haben wird. Ich war einerseits nicht sehr begeistert von dieser Info (denn ohne Strom heisst für mich ohne Internet, somit kann ich nicht arbeiten), andererseits musste ich doch anerkennen, dass zum ersten Mal ein Eingriff in Wasser, Strom oder sonst was vorangekündigt wurde. So machte ich mich nach dem Frühstück auf einen Spaziergang bei uns den Hügel rauf, ein bisschen weg aus dem Verkehrsgehupe, dem mit-quietschenden-Reifen-um-die-Kurve, dem Alarm von Ambulanz und Polizei.

Als ich bei uns den Hügel raufspazierte, sass ein älterer Mann auf der Gasleitung, das sind hier so rostbraune Stahlrohre ca. 50cm über dem Boden, und hatte einen schönen Blumenstrauss in der Hand. Von nah war er ärmlich gekleidet und die Blüten muss er einem Oleanderstrauch in einem Garten stibizt haben. „Unser“ Hügel ist bunt in seiner Zusammensetzung. Ursprünglich waren dort wohl nur ärmliche Hütten und Häuslein wild ins Gras gebaut. In den letzten Jahren haben sich stattliche Häuser dazugesellt, wenn auch die meisten in unfertigem Zustand bewohnt werden. Das ist mir einigermassen sympathisch, denn das heisst, dass auch bei diesen Leuten das Geld endlich ist und weist darauf hin, dass sie nicht zu denen gehören, die sich von Staates wegen an diesem Land dumm und dämlich klauen.

Der Mann mit den schmutzigen Kleidern und den durchgelaufenen Sommerschlappen kam auf mich zu, als wir auf gleicher Höhe waren. Zuerst verstand ich, dass er mir die Blumen für drei Lari verkaufen wollte, doch dann begann er von einer Margarita zu reden und ich sagte ihm, dass meine Mutter so heisse. Dies öffnete bei ihm Tür und Tor und er erzählte mir viel, davon verstand ich nur einzelne Worte. Ich machte mich dann aus dem Staub und möchte damit sagen, dass hier natürlich nicht alles glänzt. Hier leben viele Leute mit sehr wenig, und es könnte einem ziemlich ungemütlich sein.
Ich werde Ende Monat meinen letzten Lohn von der Schule überwiesen bekommen und dann werde ich mich aus Reserven finanzieren, ein kleines Polster konnte ich mir hier im vergangenen Jahr anlegen. Ich habe mich entschieden, oder viel mehr, es hat sich in mir entschieden, dass ich keine weitere Anstellung suche. Die hier verhältnismässig tiefen Lebensunterhaltskosten möchte ich nutzen, um mich selbständig zu machen. Das war immer mein Traum, und jetzt ist der Moment gekommen, in das hineinzugehen. Tourismus ist ein Weg, der sicher potenzial hat. Wieder sind Geduld, Hartnäckigkeit und Einfallsreichtum gefragt. Natürlich könnte ich mit Deutsch und dem Wissen aus der Studienberatung auch Geld verdienen. Aber der schönste Pfeil unter den im Moment praktikablen ist für mich jener des Tourismus.

Übrigens: Ende Juni hat Georgien mit den Efta-Staaten (Schweiz, Liechtenstein, Norwegen und Island) einen Freihandelsvertrag abgeschlossen. Wenn Du eine Firma kennst, die nach Georgien expandieren möchte, aber die nötigen Leute nicht kennt – wir, ich und Wacho, könnten durchaus Kontakte machen und erste Dinge organisieren. Denn auch hier gibt’s gefüllte Portemonnaies.

Wegen dem blöd tun: Rudolf Steiner habe seinen Vegi-Leuten gesagt, sie sollen das Stück Fleisch lieber essen, als immer dran denken…

Und: Es hatte heute trotzdem den ganzen Tag Strom

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